Danke an Gia für den Link. Ich hätte nie gedacht, das die medien… wobei. doch schon. Aber ich hab nie! damit gerechnet, das ein Betroffener mal seinen Mund aufmacht! Darum kopiere ich hier einfach mal den Kompletten Text rein! Alle Rechte liegen bei Autzeit. Sollte Autzeit ein Problem mit dem Kopieren/Veröffentlichen haben, so reicht eine kleine Email!

 

Jeder hat etwas gesagt. Jeder bloggt, jeder schreibt – und die große Resonanz auf besonders einen SpOn-Artikel zeigt, dass viele Autisten wie ich sich angegriffen und diffamiert fühlen.

Um das – vor allem für mich – zu bündeln, habe ich mich entschlossen, mich nun doch in einem persönlichen und offenen Brief an den Spiegel zu wenden.

“Sehr geehrte Frau Briseño,
Sehr geehrter Herr Mascolo,
Sehr geehrter Herr Müller von Blumencron,

Ich habe nun den gesamten Sonntag mit der Überlegung verbracht, ob ich mich – wie viele – direkt an Sie wende. Am 15. Dezember 2012 veröffentlichten Sie in Zusammenhang mit dem Amoklauf in Newtown einen Artikel auf spiegel-online unter dem Titel „Asperger-Syndrom: Blind für die Emotionen anderer Menschen“. Ich sehe mich von diesem Artikel in zweifacher Weise betroffen: Zum einen als Asperger-Autistin, zum anderen als Journalistin.
Von fachlicher Seite muss ich gestehen, dass ich selten so entsetzt war über einen Artikel wie hier. In meiner Ausbildung bei [einer Medienschule] wird besonders Wert auf eine wahrheitsgemäße, faktentreue und gut recherchierte Berichtserstattung gelegt. Medien wie z. B. „Der Spiegel“ werden uns dabei immer wieder als gute Beispiele vor Augen geführt. Umso enttäuschender ist es, einen solch katastrophalen Artikel ausgerechnet bei Ihnen vorzufinden – die mangelnde Einsicht und das Verständnis der Autorin für die Kritik über die sozialen Medien wie Twitter tun ihr Übriges.
Zum einen ist es ein Unding, einen medizinischen Fachbegriff – wenn man ihn denn schon nennen will – nicht korrekt buchstabieren zu können. So handelt es sich um das „Asperger-Syndrom“ und nicht um das „Asberger-Syndrom“ (übrigens immer mit Artikel, man „hat nicht Asperger-Syndrom“, wie man einen Schnupfen „hat“). Des Weiteren finde ich es fragwürdig, dass eine allem Anschein nach nicht Betroffene Autisten als „Aspies“ bezeichnet. Sicher ist das ein Begriff, den Autisten untereinander verwenden. Aber würden Sie einen spastisch Gelähmten in einer seriösen Berichterstattung mit „Spasti“ betitulieren? Der Begriff „Aspie“ ist zudem eher salopp gehalten – im Zusammenhang mit der Tragödie in Newtown zudem also ganz und gar unpassend.
Viele weitere Aspekte in diesem Artikel sind unsauber bis komplett falsch recherchiert, was nicht gerade zur Seriosität beiträgt – so handelt es sich beispielsweise bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung und Autismus um zwei sich ausschließende Diagnosen. Wer autistisch ist, kann nicht schizoid sein (vgl. ICD-10, F60.1). Auch dass es weltweit nur wenige hochbegabte Autisten gäbe, ist schlicht und ergreifend falsch.

Über all diese Punkte hätte ich als Journalistin die Stirn runzeln können und mich mit dem Gedanken getröstet, dass das eventuell eine Praktikantin unter Zeitdruck (dem ist ja leider nicht so) geschrieben hat. Aber folgender Absatz, den ich gerne aus der aktuell online gestellten Version zitieren möchte, ist nicht nur aus journalistischer, sondern auch aus menschlicher Sicht zutiefst fragwürdig:
„Sollte Adam Lanza tatsächlich an einer Form von Autismus gelitten haben, ist das noch lange keine Erklärung für seine grausamen Taten. Gleichwohl gab es bereits Amokläufer, bei denen auch Asberger-Autismus diagnostiziert worden war. Frederik B., der Vierfachmörder von Eislingen, leidet laut psychiatrischem Gutachten an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung und hat Asperger-Syndrom. Der vierfache Frauenmörder und Serienvergewaltiger Heinrich Pommerenke, der bis zu seinem Tod 2008 als einer der schlimmsten Verbrecher der Republik galt, war einem Psychiater zufolge Asperger-Autist. Ein Arzt diagnostizierte auch beim rassistischen Heckenschützen von Malmö das Asperger-Syndrom.“
Was hier geschieht, nennt man in der psychologischen Fachsprache „Suggestion“. Sie stellen einen Zusammenhang her zwischen einer psychiatrisch-neurologischen Entwicklungsstörung und massiven Gewaltausbrüchen und Verbrechen. Auch wenn die Autorin behauptet, dass das nie in ihrer Absicht lag, diesen Zusammenhang herzustellen – allein durch die Art der Darstellung tut sie es. Und wenn ihr das wirklich nicht klar sein sollte, dann hat sie ihren Beruf falsch gewählt.

Aus persönlicher Sicht fühle ich mich aber durch diese Darstellung auch zutiefst getroffen, diffamiert und diskriminiert. Bereits der Titel des Artikels „Blind für die Emotionen anderer“ ist als solcher ein Fehlschluss, der in der Öffentlichkeit oft zu finden ist und gegen den ich, andere Autisten und Nicht-Autisten anzukämpfen versuchen. Wir sind nicht „blind für die Emotionen anderer“.
Der Zusammenhang, der nun hergestellt wird zwischen Serienmördern und Vergewaltigern führt dazu, dass ich mich als Person bedingt durch meine “Behinderung” in eine Reihe gestellt fühle mit Heinrich Pommerenke und anderen. Das, was früher das Verbrecher-Gen und irgendwann die Killergame-Spieler war und waren, das sind heute also Autisten. Unabhängig davon, ob es so „gemeint“ war – das ist es, was bei mir und vielen anderen, auch Nicht-Autisten, angekommen ist. Solche Polemik und solch ein Populismus kenne ich von Klatschmedien, hätte es aber nie aus der Richtung des Spiegels erwartet.

Die Reaktion Ihrer Redaktion auf die immense Kritik zu diesem Bericht machte es nur noch schlimmer. Sicher wäre es klug gewesen, den Artikel aus dem Netz zu nehmen, mit Autisten in Deutschland zu reden und vielleicht auch klarzustellen und ausdrücklich zu betonen, dass es keinesfalls seriös ist, eine nachträgliche Fern(!)-Diagnose über einen Amokläufer zu stellen. So geistert dieses Pamphlet aber nun durch das Netz, wird von anderen Medien, die den Spiegel als gute Recherchegrundlage ansehen, genutzt und weiter verbreitet. Und es bleibt die Frage, wie viele Eltern da draußen, die keineswegs über das nötige Hintergrundwissen verfügen (können), Angst um ihre Kinder bekommen: Vielleicht, weil ihr Kind Asperger-Autist ist und es damit potenziell zu furchtbaren Gewaltverbrechen fähig sei. Oder aber weil ein Klassenkamerad der eigenen Kinder Asperger-Autist ist und damit vielleicht eine Bedrohung darstelle.

Sie haben uns Autisten mit diesem Artikel zu Betroffenen des Massakers in Newtown gemacht. Denn nicht das unsägliche Leid der Familien nach der unfassbaren Tat ist Ihr Thema, sondern eine Ihnen fremde Minderheit. In der Bibel bezeichnet man so etwas als einen Sündenbock. Im Mittelalter war es die Hexenverbrennung. Und heute könnte man das als „Aufruf zur Hetzjagd“ verstehen.
Immerhin haben Sie mit diesem Bericht etwas erreicht: Die verborgene Gemeinschaft der Asperger-Autisten, die angeblich so isoliert und „gefühlskalt“ ist, steht gemeinsam und geschlossen auf. Denn wir wollen, wie alle Menschen, Teilhabe an der Gesellschaft. Das ist so schon schwer genug. Mit Ihrer Berichterstattung gerade in diesem besonderen Fall haben Sie uns jedoch stigmatisiert, uns ausgegrenzt, Sie zeigen mit dem Finger auf uns und schüren die Angst. Damit machen Sie jedes Bestreben von Integration und Inklusion zunichte. Und wir wehren uns dagegen. Jeder auf seine Art, sei es online oder per Brief. Wie ich haben sich viele nun öffentlich zu Ihrem Autismus bekannt, um ein klares Statement gegen Ihre Berichterstattung zu setzen.
Ich kann Sie nur aus tiefstem Herzen bitten, diesen Artikel aus dem Netz zu entfernen. Redigieren Sie ihn nicht, schreiben Sie keine weiteren Anmerkungen – entfernen Sie ihn. Und wenn Sie ein Interesse haben am Leben und Über-leben von Asperger-Autisten, dann kramen Sie nicht in irgendwelchen alten Artikeln – fragen Sie uns. Ich stehe Ihnen in diesem Fall gerne für Rückfragen zur Verfügung. Wir wollen über unsere Wahrnehmung, unser Erleben gerne berichten und Ängste abbauen. Und nicht gegen Wände anlaufen müssen, die Sie aufbauen.

Mit freundlichen Grüßen

[Autzeit]

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